ZUR GESCHICHTE DES SRI MUTHUMARIAMMAN TEMPELS IN HANNOVER

In Niedersachsen leben etwa 5000 Hindus. In der Landeshauptstadt haben sie 1994 den Hannoverschen Tamilischen Hindu-Kulturverein gegründet, dem ca. 300 Mitglieder, zumeist Tamilen aus Sri Lanka und einige wenige aus Tamil Nadu angehören.

Sie trafen sich von Mai 1994 an jeden Freitag im Döhrener Freizeitheim in ihrer Gemeinschaft und feierten ihre Puja (Poojah = rituelle Opfer- und Verehrungsfeier vor einem Gottesstatue). Schon lange hatten sie sich einen eigenen Tempel gewünscht, damit sie und ihre Kinder nicht den Bezug zur Kultur ihrer Heimat verlieren.

Besonders aktiv war Herr Karunanithi, der sich völlig für die Errichtung eines Hindutempels einsetzte. In einen alten Fabrikgebäude in Hannover-Badenstedt fanden sie einen geeigneten Raum, den sie dank tätiger Mithilfe der Vereinsmitglieder und der Unterstützung von Herrn Rolf Häcker zu einem ersten Hindutempel in Norddeutschland umbauten. Ein im Tempelbau erfahrener tamilischer Künstler aus Nordrhein-Westfalen hat die Gebetsstätte entworfen und realisiert. Die Götterfiguren wurden nach ritueller Tradition im indischen Mamallapuram von Hand gestaltet und per Schiff nach Deutschland transportiert.

Kurz vor der Fertigstellung des Tempels traf die Tamilengemeinde ein herber Schlag. Ihr engagierter Initiator, Herr Karunanilty, verunglückte am 16. Juni 1995 bei Barsinghausen mit dem Auto und verlor mit seinen beiden Kindern das Leben.Trotzdem wurde sein Werk, der Sri Muthumariamman Tempel, vollendet. Am 28. August 1995 um 8.40 Uhr begannen die zu einem durch die Konstellation der Sterne berechneten besonders günstigen Termin die Einweihungszeremonien. Sechs Gastpriester unterstützten den damaligen hannoverschen Priester Kirupakarasarma am ersten, dem wichtigsten Tag der Zeremonien, der mit einem altindischen Sanskritausdruck als "Kumbaabishekam" bezeichnet wird: Dem Tempel, der bis zu diesem Augenblick noch keinerlei spirituelle Bedeutung hatte, wird nun das Leben eingehaucht.

GÖTTLICHE ERSCHEINUNGEN

In der religiösen Vorstellung der Hindus nimmt die Göttliche Erscheinung unzählige Formen an. Die wichtigsten Erscheinungen sind Himmel, Erde, Luft, Wasser und Feuer. Im wesentlichen soll diese materielle Substanz mit der Göttlichen Erscheinung vereint werden. Dabei werden symbolische und religiös-rituelle Handlungen durchgeführt und vedische Mantras rezitiert.

- Die Erde wird durch Kupfergefäße dargestellt. 
- Das Wasser darin symbolisiert die göttliche Erscheinung des Wassers. 
- Das Feuer, das mit Kampfer, Weihrauch und anderen geweihten und getrockneten Pflanzen 
entfacht wird, deutet auf die göttliche Erscheinung in Gestalt des Feuers. 
Himmel und Luft werden durch die Mantras einberufen.

Erst durch die Vereinigung dieser Elemente erlangen die Statuen der Götter und Göttinnen ihre Vollkommenheit.

Der Göttin werden Opfergaben in Form von Blumen, Früchten, Honig, Milch und anderen Speisegaben erbracht. Es ist üblich, daß dafür die Gläubigen solche Opfergaben sowie Öl für die Öllampen stiften. Dafür erhalten sie als Sinnbild für den Anteil an der Gnade der Göttin geweihte Asche, die auf die Stirn gerieben wird, und als sog. Prasadam die geweihte Speise zurück.

Nach dem wichtigen ersten Tag verlaufen die weiteren Tage in etwas ruhigerer Form. 
Diese 23 weiteren Tage sind nach hinduistischer Überlieferung notwendig, um den neu erhaltenen Segen der Göttin zu festigen und durch weitere Zeremonien um künftigen Segen zu bitten. 
Am 24. Tag findet eine Abschlußzeremonie statt.

GÖTTIN MUTHUMARIAMMAN

Muthumariamman, die Göttin des hannoverschen neuen Tempels, ist eine von den zahlreichen Manifestationen der höchsten hinduistischen Göttin, Parvati. Mariamman oder Mari Mai gehört zu den uralten Volksgöttinnen in Südindien, die teilweise als gütige oder schreckliche Aspekte der "Devi" (= Göttin) in die Hochreligion einflossen. In Durga (Gattin des Shiva, Göttin der Brahmanen) oder Kali (die "Schwarze", Gegenpart der Niedrigkastigen) vereint sich der Kult der großen Muttergöttin der indischen Frühzeit mit ihren gütig-mütterlichen wie mit ihren grausamen und zerstörerischen Zügen. Als Mutter (Mata, Ma, Amma) spendet sie Leben und Gnade. Kali verschmolz mit unzähligen Lokal- und Dorfgottheiten, so auch mit der südindischen Mariamman.

TEMEPLBESCHREIBUNG

Der Tempel in Hannover besteht aus einem Haupt- und aus zwei Nebentempeln. In der Mitte befindet sich der Schrein mit der Statue der Hauptgöttin, Muthumariamman, bewacht von zwei Figuren, den Wächtern der Göttin. Zur Linken ist die Statue des Elefantengottes Ganesh, der als erster Sohn Shivas gilt, zu sehen, zur Rechten der Gott der Tamilen, Kanda, der zweite Sohn Shivas. Am anderen Ende des Tempelraumes ist der Schrein für die Statuen der neun Himmelskörper. Zwischen den beiden Hauptschreinen ist das symbolische Begleittier zu sehen (z.B. bei Shiva immer der Nanda, der Bulle - bei Ganesh die Maus): hier für Muthumariamman ist es der Löwe

Während des Tempelfestes im Sommer 1996, im August, wurde der Tempel durch ein wichtiges Element ergänzt, das für den Tempeldienst charakteristisch ist: Eine weitere Figur der Göttin Muthumariamman, diese in der anderen rituellen Ausführung, als Fünf-Metalle-Figur. Diese Figur wird beim Tempelfest in einer feierlichen Prozession um den Tempel herumgeführt - übrigens immer links herum. 1996 wurde das Bildwerk noch auf einer Sänfte getragen. Aber künftig soll es der Tradition entsprechend auf einem "Tempelwagen“ von allen Männern gezogen werden. Dieser Wagen in Gestalt eines Löwen, dem Begleittier, soll von der Gemeinde noch gebaut werden

REGELMÄSSIGE GOTTESDIENSTZEITEN

Das Leben der tamilischen Gemeinde in Hannover wäre ohne das unermüdliche Engagement des Vorsitzenden des Hindu-Kulturvereins, Namasivayam Krishnapillai, und seiner ganzen Familie nicht vorstellbar. Ihre Spiritualität ist beispielhaft für die Mitglieder der Gemeinschaft und beeindruckend für die Gäste. Alle Vorbereitungen für den aufwendigen Tempeldienst werden von ihnen besorgt. Frau Krishnapillai ist fast täglich im Tempel, wenn die Puja (Poojah) gehalten wird.

An jedem Tag 18.00 Uhr Puja; der Tempel ist von 17.00 bis 19.00 Uhr geöffnet. 
An jedem Freitag, dem Haupttag der Woche, von 16.00 bis 20.00 Uhr. Dabei findet die Zeremonie der Apishekam, der Waschung der Göttin Muthumariamman statt. Gäste sind im Tempel willkommen.